Bedürftigkeit als Kundenbindung

Das wichtigste aus dem folgenden Buch:
Titel: Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird;
Autor: Stefan Selke;
Verlag: Westfälisches Dampfboot;
ISBN: 978-3-89691-754-6;
Preis: 19,90€
habe ich unten zitiert. Es passt vielleicht nicht ganz in die Rubrik Wochenendzitate, steht aber trotzdem drin:

(S. 146-148 aus „Fast ganz unten“ von Stefan Selke)

Wie gehen die als bedürftig deklarierten Menschen damit .um, dass sie Kunden einer Lebensmitteltafel sind? Wie empfinden die Kunden also ihr soziales Umfeld? Werden Sievon Ihrem Umfeld überhaupt als Bedürftige erkannt? Das sind einige der Fragen, die ich mir zwischenzeitlich stelle.

Wer als „benachteiligt“ oder „bedürftig“ eingestuft wird, sei es durch offizielle Instanzen oder im sozialen Umfeld, der wird stigmatisiert. Insgesamt kann man in Deutschland fast von einer Konjunktur der Benachteiligungsrhetorik sprechen, die Gutes meint, aber oft genau das Gegenteil erreicht. Durch Stigmatisierung wird einer Person ein Merkmal zugeordnet, das diese Person von anderen in einer sozial unerwünschten Form unterscheidet. Durch dieses negative Attribut erfolgt eine soziale Diskreditierung, die zu zusätzlichen Nachteilen führt und damit oftmals die vorausgehende Stigmatisierung ex post rechtfertigt und somit verstärkt. Dies ist die klassische Sichtweise der Soziologie.15Die tiefere Ursache der Stigmatisierung liegt in einem normativen Druck, den die Gesellschaft auf ihre Mitglieder ausübt. Dieser besteht darin, ein „normales Leben“ führen zu müssen. Noch immer gehört die Vorstellung von der Triade Ausbildung – Beruf – Einkommen zur Grundausstattung eines auf soziale Integrität zielenden Denkens. Wer anders lebt oder leben muss, etwa weil er seine Arbeitsstelle verloren hat, wird unter dem gesellschaftlichen Druck verbogen. Wer von der uniformen Erfolgsnorm abweicht, wird dadurch bestraft, dass man ihm einen Status als „Abweichler“ zuschreibt.16 In der Folge hiervor teilt sich die Welt in Gewinner und Verlierer. In diesen defizitären Prozess greifen die Tafeln ein, indem sie durch ihr Angebot und ihre Leistungen die Bedürftigkeit der betroffenen Menschen immer wieder bestätigen. Die Stigmatisierung als „Benachteiligter“ ist also zwingende Bedingung für die Aufrechterhaltung der Unterstützungsmaßnahmen.

„Abweichendes Verhalten“ ist also keine Qualität der Person, sondern eine Folge der Anwendung von Regeln, wie sie in diesem Fall von den Tafeln im Rahmen eines breiten Konsens aufgestellt werden. Abweichung entsteht ganz einfach deshalb, weil sich die Gesellschaft ein Regelwerk verschafft, dessen Verletzung als Abweichung deklariert wird. Menschen werden als „Bedürftige“ stigmatisiert (wobei dieses Stigma sogleich mit der Bezeichnung „Kunde“ kaschiert wird), weil sie die Regel, ein normales Leben zu führen, offensichtlich verletzten.

Das Problematische an Stigmatisierungsprozessen dieses Typs ist die Tatsache, dass sie kaum umkehrbar sind. Mit der Etikettierung als „Bedürftiger“ beginnt ein sich selbst verstärkender Prozess, denn aus der gewählten Bezeichnung wird umgekehrt geschlossen, dass die Gründe für die Armut in der Person des Bedürftigen selbst liegen müssen. Aus soziologischer Sicht lässt sich feststellen, dass die öffentliche Produktion von Bedürftigkeit den Zweck hat, Institutionen wie die Tafeln, die sich professionell mit abweichenden Lebensumständen beschäftigen, zu legitimieren.

 

Stellt man sich diesem Gedanken, dann wird das enorme politische Potenzial der Tafeln sichtbar. Die Armen sind ohne die Tafeln in vielen Belangen hilflos.

Aber auch umgekehrt gilt, dass die Tafeln ohne die Armut aufgabenlos wären. Erreicht eine Organisation oder ein Verbund aus singulären Hilfseinrichtungen (die sich einer gemeinsamen Leitidee verpflichtet haben) erst eine bestimmte Größe und damit Komplexität, dann ist es dysfunktional die Ursachen der Armut zu bekämpfen. Jede Organisation einer bestimmten Größe ist an ihrem eigenen Fortbestand interessiert und muss daher dafür sorgen, dass sie genügend Gründe aufweisen kann, die ihren eigenen Bestand legitimiert. Deshalb sind die Tafeln auf der rhetorischen Ebene an der Abschaffung der Armut interessiert, müssen aber (zwangsläufig) auf der praktischen Ebene an der Produktion von Bedürftigkeit mitwirken.17

 

17 Eise Øyen Seiten 353-374 in

Die Entwicklung des soziologischen Wissens: Ergebnisse eines halben Jahrhunderts

Von Nikolaĭ Genov

Veröffentlicht von VS Verlag, 2005

ISBN 3810041211, 9783810041210

EUR: 39,90

Ergänzung:

Vier Personen werden des Diebstahls angezeigt, da sie nachts abgelaufene Lebensmittel aus den Containern von Supermärkten genommen haben. Die vier Beschuldigten wurden zur Polizei-Dienststelle gebracht, einer von ihnen in Handschellen.
Quelle: http://de.indymedia.org/2009/03/244091.shtml
Darum werden zum Beispiel bei Lidl in Köln-Merheim die Mülltonnen eingesperrt:
19-03-09_1510

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