Sie werden weitermachen

WAZ: Die Finanzkrise und ihre Folgen – Sie werden weitermachen – Leitartikel von Lutz Heuken 07.10.2008 | 19:44 Uhr

Essen (ots) – In diesen Wochen schaut die Welt in den Abgrund. Wie sich die Finanzkrise weiter auswirken wird – kein Mensch kann es seriös voraussagen. Werden weltweit Millionen Sparer kalt enteignet? Kommt es gar zu einer schweren Wirtschaftskrise wie 1929, zu einer Krise, die ganze Volkswirtschaften zerstört, die weltweit Existenzen vernichtet und politische Umstürze auslöst? Wer das für ein Horrorszenario hält, der lese in den Geschichtsbüchern nach. In Deutschland ist der Aufstieg der Nazis ganz eng mit der Weltwirtschaftskrise von ’29 verbunden.Internationale

Dabei ist die aktuelle Krise wahrlich nicht vom Himmel gefallen. Finanzexperten haben schon seit Jahren davor gewarnt – wie sie zu Anfang dieses Jahrhunderts vor dem Platzen der Aktien-Blase gewarnt hatten. Doch diese Fachleute – es waren leider zu wenige – wurden nie gehört. Nicht damals und nicht vor dieser Krise. Stattdessen hörte man lieber auf die Finanzhaie in aller Welt und ihre willigen Helfer; sie priesen die grenzenlose Freiheit der Märkte; sie verteufelten alles Staatliche; sie verspotteten die Mahner als Kleingeister und brandmarkten die Kritiker als Sozialisten; sie schafften es, selbst ihre Gier als menschliche Tugend zu verkaufen; sie predigten Neoliberalismus als Religion und geißelten jeden Widerspruch als Ketzerei. Ja, sie fühlten sich als die neuen Herren der Welt; und führten sich auch so auf.

Und viel zu viele sind diesen neuen Herren gefolgt. An den Börsen und in den Konzernen, wo Milliarden gescheffelt wurden. In der Politik, wo man angesichts dieser Milliarden von Leistung sprach, die sich endlich wieder lohne. An den Hochschulen, wo bis heute das menschenverachtende System des Turbo-Kapitalismus gelehrt wird als sei es ein Naturgesetz. Und – ja auch – in Teilen der Medien, wo das Credo der Mächtigen teils kritiklos nachgebetet wurde.

Und nun? Ist wohl Einsicht eingekehrt?

Zu wünschen wäre: dass die Verantwortlichen, die die Welt gerade an den Abgrund geführt haben, hart zur Rechenschaft gezogen werden; dass sie wie andere Verbrecher vor ein internationales Tribunal gestellt werden; dass endlich auch für die Finanzmärkte feste Regeln gelten; dass die Milliardenströme auf der Welt demokratisch kontrolliert werden.

Zu erwarten ist: dass sich die Verantwortlichen nur kurz wegducken und schnell wieder Oberwasser gewinnen; dass sie ihre neoliberale Irrlehre weiter predigen; dass sie schon bald die nächste weltweite Krise vorbereiten; dass niemand sie hindern wird.

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4 Antworten to “Sie werden weitermachen”

  1. cers Says:

    Am Wochenende hörte ich im Scheibenwischer:

    Der Markt regelt sich von alleine – durch Angebot und Nachfrage.
    ……
    was die Gewinne dabei angeht stimmt das.
    für die Verluste stimmt’s nicht, die regelt der Steuerzahler
    ……
    …..
    im Kernland des Kapitalismus in den USA, rettet der Steuerzahler momentan das System
    also
    die Banken werden verstaatlicht
    DER SOZIALISMUS RETTET AMERIKA
    ————————————————————-
    im Wortlaut nachzuhören zwischen Min 23:30 und 24:30 unter
    http://mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/988676?pageId=487872&moduleId=317206&categoryId=&goto=1&show=

  2. Tageszeitung junge Welt Says:

    08.10.2008 / Schwerpunkt / Seite 3
    Befreiungstheologie des Kapitals vor dem Aus
    Rainer Rupp
    Die Dogmen, die noch vor kurzem mit Macht und Anspruch auf Naturgesetzlichkeit vorgetragen wurden, fliegen inzwischen sang- und klanglos über Bord. Für die Anhänger des alleinseligmachenden Glaubens an die freie Marktwirtschaft brechen Welten zusammen. Ausgerechnet die Allmacht der Banken, an der noch vor sechs Monaten kaum jemand zu zweifeln gewagt hätte, hat sich in nichts aufgelöst. Und auf einmal sind auch wieder nationale Alleingänge zur Regulierung der Bankenexzesse möglich, etwas, das von den regierenden Marktfundamentalisten bis dato sowohl als unmöglich als auch blasphemisch abgelehnt wurde.

    Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus hatte die »Befreiungstheologie des Kapitals«, der totalitär alle Lebensbereiche durchdringende Neoliberalismus, die Kommandozentren der Wirtschaftssysteme erobert. Für den von den Banken angeführten Raubtierkapitalismus westlicher Prägung lieferte sie sowohl die wirtschaftstheoretische als auch die moralische gesellschaftspolitische Rechtfertigung. Zugleich veranstalteten die politischen Parteien einen Wettlauf darum, sich dem Kapital als größter Privatisierer, Deregulierer oder Globalisierer anzudienen.

    Im Koalitionsvertrag der CDU/CSU-SPD-Regierung vor drei Jahren setzte man z. B. auf das freie Spiel der Kräfte, insbesondere auf dem Finanzmarkt. So fordert das Papier: überflüssige Regulierungen abzubauen sowie eine Finanzaufsicht mit Augenmaß. Noch 2007 rühmte sich Steinbrücks Finanzministerium, das größte Verbriefungsprogramm in Europa geschaffen zu haben. Das besagt, daß die Bundesregierung den deutschen Finanzkonzernen nicht nur das unbeaufsichtigte Spekulieren mit den hochgiftigen US-Finanzprodukten erlaubt hat, sondern auch alles tat, um Deutschland zum größten Finanzzockermarkt Europas zu machen. Nun tun CDU und SPD so, als hätten sie mit all dem nichts zu tun und schreien statt dessen »Haltet den Dieb«. Es ist aber nicht die Schuld einiger schlechter Banken, sondern die Schuld des Systems, an dem die Regierungsparteien kräftig mitgestrickt haben.

    Trotz aller offizieller Beschwichtigungsversuche ist das neoliberale Wirtschaftscredo, das in den vergangenen Jahren zum Sieger über Kommunismus und Sozialismus verklärt wurde, nun entmystifiziert und schwer angeschlagen. Plötzlich erinnert man sich wieder allenthalben an die Vorzüge staatlicher Eingriffe und Lenkungsmaßnahmen. Sogar in der FDP werden Tabus gebrochen und Rufe nach wenigstens teilweiser Verstaatlichung des Bankensektors laut, auch wenn das nur der Sozialisierung der Verluste dienen soll.

    Angesichts des wirtschaftlichen Abgrunds und der Unfähigkeit der »freien Wirtschaft«, ohne staatliche Hilfe aus der Krise herauszukommen, wird in der Bevölkerung immer öfter über die Vergesellschaftung der Banken diskutiert – nicht um die Verluste dem Steuerzahler aufzubürden, sondern zwecks verbesserter Kontrolle und echter sozialer Verantwortung. Seltsam nur, daß vor diesem Hintergrund Michael Schlecht, Mitglied im Vorstand und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Partei Die Linke, bei der Vorstellung des Sofortprogramms seiner Partei gegen die Wirtschaftskrise in der jW vom Dienstag weder die Systemfrage gestellt noch Worte wie Verstaatlichung aufgeschrieben hat. Statt dessen will Die Linke mit ihrem Programm zur Ankurbelung der Konjunktur offensichtlich die klassische Rolle der SPD übernehmen – als Pfleger am Krankenbett des Kapitals. Geradezu herzerfrischend war dagegen der Beitrag von Attac, der forderte, das Kasino zu schließen und ohne Systemwechsel den Pleitebanken keine Hilfe zukommen zu lassen.

  3. Neues Deutschland Says:

    zu den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise

    Berlin (ots) – Nicht im Polarmeer, wohl aber in den Defiziten seiner Banken könnte Island versinken. Laut Regierungschef Geir Haarde besteht die »sehr reelle Gefahr« eines Staatsbankrotts. Die drei größten Banken sind durch spekulative Auslandsgeschäfte so sehr in Schulden geraten, dass der kleine Inselstaat sie »unmöglich« retten kann. Auch für Verstaatlichung ist es schon zu spät. Da im Westen keine Regierung und kein privates Finanzinstitut noch etwas verleihen will, hoffen die Nordländer auf ein paar Milliarden aus Russland. Vielleicht will Moskau, nur zur Sicherheit, dafür einen Anteil am isländischen Festlandsockel zur Ausbeutung der Ölvorkommen im Arktiseis? Das wäre sogar noch glimpflich. Wie die Geschichte lehrt, führt Staatsbankrott nicht selten zu territorialen Neuaufteilungen: Entweder der illiquide Schuldner kapituliert und lässt sich von einem großen Bruder aufkaufen – so wie die DDR von der BRD. Oder aus dem bankrotten Gesamtstaat lösen sich die Teilrepubliken, die schwarze Zahlen schreiben – so wie sich 1990 Kroatien und Slowenien von Jugoslawien getrennt haben, mit Hilfe von Kohl & Co. Bei einer Systemkrise, wie wir sie jetzt erfahren, geht es nicht nur um neue Armut. Es droht der Untergang von Staaten und der Streit um die Konkursmasse. Bei den jugoslawischen Diadochenkämpfen starben über 100 000 Menschen. Die USA haben ihren Sezessionskrieg schon hinter sich. Oder kommt da noch einer?

  4. WAZ Says:

    Laien sind überfordert – Kommentar von Katja Darms

    Essen (ots) – An der Finanzkrise kommt man auch als Otto
    Normalverbraucher nicht vorbei. Täglich geistern neue
    Schreckensmeldungen durch die Medien, Bilder von bestürzten
    Börsenmitarbeitern machen auch uns Laien klar, dass die Lage wohl
    tatsächlich ernst ist.
    Aber mal ehrlich: Wirklich verstehen tut man doch herzlich wenig von
    dem, was da auf dem Finanzmarkt passiert, oder!? Unsicherheit und
    Vertrauensverlust sind Worte, die mittlerweile unweigerlich zur
    Finanzkrise gehören. Man sollte noch eins hinzufügen: Überforderung.
    Angst um unsere Ersparnisse brauchen wir laut Bundesregierung nicht
    zu haben. Aber was ist mit den Lebensversicherungen, die in Fonds
    oder Aktien angelegt sind?
    Von einer abstrakten Finanzkrise kann jedenfalls nicht die Rede
    sein. Denn ihre Auswirkungen sind längst in unserer Alltagswelt zu
    spüren: Diese Woche bleiben die Arbeiter von Opel wegen eben dieser
    Krise zuhause. Beruhigend ist das nicht.

    Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung


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