Zuerst die Kinder

Eine Studie im Auftrag der Stadt Nürnberg gibt Einblicke in die Lebenssituation von Sozialleis­tungsempfängern mit Kindern. Ein Ergebnis: Die große Mehrheit der Eltern gibt sich alle Mühe, dass der Nachwuchs möglichst wenig unter ihrer Geldnot leidet.
Grundsicherungsleistungen für Familien sind knapp bemessen. Für Kinder bedeutet das: weniger Kultur- und Freizeitaktivitäten als Gleichaltrige, Spielzeug, Bücher, nicht zuletzt geringere Bildungschancen, weil es an bezahlbaren Nachhilfeangeboten fehlt – oder einfach an einem ruhigen Ort für die Hausaufgaben. Der Soziologie-Professor Werner Wüstendörfer hat untersucht, wie Eltern, die Grundsicherung oder andere existenzsichernde Sozialleistungen beziehen, mit ihrem wenigen Geld zurechtkommen. Grundlage seiner Studie ist eine ausführliche Befragung von 476 Nürnberger Familien im Sozialleistungsbezug mit Kindern im Grundschulalter. Der Wissenschaftler von der FH Nürnberg zieht aus den Befunden den Schluss, dass Familien mit geringen finanziellen Mitteln sowohl mehr Dienstleistungsangebote als auch höhere Sozialleistungen benötigen. Die Befürchtung, zusätzliches Geld komme nicht bei den Kindern an, betrachtet er als unbegründet. Denn nur die „allerwenigsten Eltern“ sparen seiner Analyse zufolge bei ihren Kindern.

Kinder zuerst. Aus den Antworten zum Konsumverhalten geht hervor, dass Ausgaben für die Kinder für die meisten Eltern Priorität haben. In 93 Prozent der befragten Familien verzichten die Eltern selbst auf genauso viel oder auf mehr als ihre Kinder. Am seltensten sparen die Befragten an Lebensmitteln und Anschaffungen für die Schule. Die Mehrheit verzichtet dafür meist auf Urlaub und gibt nur selten Geld für die Wohnungseinrichtung aus. Auch den Kauf neuer Kleidung für sie selbst oder Kinobesuche verkneifen sich mehr als die Hälfte der Eltern häufig. Hingegen gibt nur ein Drittel an, oft die Anschaffung von Kinderkleidung zurückzustellen. Dennoch mangelt es den Kindern an vielem. Ein großer Teil der Eltern leidet darunter, dass sie ihren Kindern aus finanziellen Gründen nicht mehr bieten können. Das reicht vom Verzicht auf eine Mitgliedschaft im Sportverein, über Musik- und Nachhilfeunterricht bis zu Ausflügen oder Spielzeugen, die für Klassenkameraden der Kinder selbstverständlich sind. Wüstendörfer folgert aus den Schilderungen: „Damit wird das häufig von Massenmedien kolportierte Bild einer Sozialhilfefamilie obsolet, die sich um nichts mehr kümmert, keine Verantwortung trägt und ihre Kinder verwahrlosen lässt.“

Bildung hat für Eltern hohen Stellenwert. „Besonders auffallend“ war dem Wissenschaftler zufolge der ausgeprägte Wunsch der Eltern nach „möglichst hoher schulischer Bildung für ihre Kinder“. Gerade Eltern mit Migrationshintergrund – das sind fast 80 Prozent der Befragten – betonten die Bedeutung der Ausbildung. Gleichzeitig sei vielen Eltern bewusst, dass sie selbst ihren Kindern bei Schulschwierigkeiten nur wenig weiterhelfen könnten. Der Grund dafür sind oft mangelnde Deutschkenntnisse. Für professionelle Hilfe fehlt ihnen aber häufig das Geld. „Eine bereits im Vorschulalter einsetzende Förderung erscheint für alle armen Kinder, insbesondere von Familien mit Migrationshintergrund, sehr wichtig“, schreibt Wüstendörfer. Ihnen solle ein kostenloser Besuch von Kindertagesstätten mit Verpflegung ermöglicht werden.

Aus den Ergebnissen der Untersuchung ergeben sich aus Sicht des Forschers weitere Ansatzpunkte, um die Chancen armer Kinder zu verbessern. Die Kommunen könnten beispielsweise durch günstigere Tarife bei öffentlichen Verkehrsmitteln und eigenen Freizeitangeboten einen Beitrag leisten und Vereine und andere Organisationen ermutigen, preiswerte oder kostenlose Mitgliedschaften für Kinder anzubieten. Wichtig für Kinder im schulpflichtigen Alter sei ­außerdem Lernmittelfreiheit, betont der Wissenschaftler. Zudem hält er eine Erhöhung der öffentlichen Transferleistungen und die Wiedereinführung von einmaligen Zuwendungen in besonderen Lebenslagen für geboten.  

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