Trotz Rüttgers-Rente: Frauen bleiben altersarm

Die rentenpolitische Debatte verlagert derzeit ihren Schwerpunkt von der unbedingten Stabilisierung der Beitragssätze hin zur Armutsfestigkeit der Alterssicherung. Aktuell werden Konzepte diskutiert, die auf eine Aufwertung der Alterseinkünfte für langjährig Versicherte abzielen. Sowohl der Vorschlag von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als auch der Rentenkompromiss der CDU sehen vor, dass Beschäftigten mit niedrigen Einkommen eine Rente oberhalb des Grundsicherungsniveaus garantiert wird, wenn sie mindestens 35 Jahre in die Gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben.
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Expertinnen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung haben auf Basis von Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) die Auswirkungen einer solchen Fokussierung auf langjährig Versicherte analysiert. Ein zentrales Ergebnis: Die Koppelung an eine Versicherungszeit von 35 Jahren schließt gerade Personengruppen mit höherem Armutsrisiko von der Unterstützung aus. Dazu zählen insbesondere Selbständige mit kleinem Einkommen und Frauen, so die WSI-Forscherinnen Claudia Bogedan und Dr. Simone Leiber.

Das zeigt der Vergleich der Versicherungsjahre (beitrags- und beitragsfreie Zeiten, ohne Berücksichtigungszeiten) von Männern und Frauen, die 2006 in Rente gegangen sind. Rund 78 Prozent der Männer kamen auf 35 und mehr Versicherungsjahre. Bei den Frauen konnten dagegen nur rund 37 Prozent diese Versicherungsdauer aufweisen. Knapp zwei Drittel der Frauen hätten daher keinen Anspruch auf eine Förderung, obwohl Frauen in diesem Segment oft geringe eigenständige Alterseinkünfte zu erwarten haben. Besonders betroffen sind Frauen in Westdeutschland (rund 75 Prozent unter 35 Versicherungsjahren; siehe Grafik im Anhang zu dieser PM; Link zur PM mit Anhang am Fuß dieses Textes).

Innerhalb der Versichertengruppe mit mehr als 35 Versicherungsjahren würden Frauen derzeit allerdings überproportional von der Regelung profitieren, da sie im Durchschnitt erheblich niedrigere Rentenansprüche als Männer aufweisen. Dies macht eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung deutlich, die Alters- und Erwerbsminderungsrenten der 2006 in Rente gegangenen Personen mit mehr als 35 Versicherungsjahren untersucht. In der – insgesamt kleineren – Gruppe der Frauen mit mehr als 35 Versicherungsjahren erhält ein deutlich höherer Anteil eine Nettorente von unter 600 Euro (dies entspricht etwa dem Grundsicherungsniveau) als bei den Männern, die mindestens 35 Jahre eingezahlt haben. Profitieren würden nach dieser Auswertung nur 18.873 Männer, die 2006 in Rente gingen (21,8 Prozent der Männer mit mehr als 35 Versicherungsjahren). Dagegen würden bei 67.749 Frauen (78,2 Prozent der Frauen mit mehr als 35 Versicherungsjahren) die Renten erhöht. In der Zukunft könnte sich das allerdings ändern, denn das Rentenniveau wird weiter absinken. Zudem weisen auch Männer zunehmend Lücken in den Erwerbsbiografien auf. Der wichtigste Grund dafür ist die deutlich höhere Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahrzehnten, wie eine aktuelle Analyse in den WSI-Mitteilungen* auf der Basis von AVID-Daten (Untersuchung „Altersvorsorge in Deutschland“ der DRV) zeigt.

Die rentenpolitischen Vorstöße der CDU seien als Denkanstöße zur Armutsfestigkeit von Alterssicherung sinnvoll, sagen Claudia Bogedan und Dr. Simone Leiber. Sie müssten aber deutlich weiterentwickelt werden. Die Defizite ließen sich mildern, wenn die Mindestversicherungsdauer verkürzt würde und Zeiten der Arbeitslosigkeit sowie Berücksichtigungszeiten für Kindererziehung einbezogen würden. Damit könnte eine Benachteiligung von Frauen sowie Langzeitarbeitslosen verhindert werden. Parallel dazu halten die Wissenschaftlerinnen den Ausbau der Gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung für sinnvoll. Damit ließen sich auch Selbständige besser absichern.

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