70 Jahre »Arbeitsscheu Reich«

Vor siebzig Jahren initiierte das Nazi-Regime die Aktion »Arbeitsscheu Reich«. Der 21. April 1938 leitete den Höhepunkt der Verfolgung von »Asozialen« ein. Anlässlich dieses Erinnerungstages veröffentlicht die jungeWelt von heute einen Artikel unter dem Titel „Der schwarze Winkel„.

Diesen gebe ich hier als Zitat wieder:

Im Sommer 1938 stieg die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands sprunghaft an. Der Grund: Die systematische Verfolgung einer bis dahin in den Lagern unbekannten Häftlingsgruppe: »Asozia­le«. Den ersten Akt bildete eine Aktion der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) am 21. April 1938. Auf einen Schlag wurden Tausende »seßhafte« Fürsorgeempfänger festgesetzt. Einrichtungen, in denen Hilfesuchende bis dato Schutz suchten, stellten sich dabei in den Dienst des Verfolgungsapparates und meldeten Mittellose und andere Marginalisierte. Zweiter Akt der Massenverhaftungen und Verschleppungen: Knapp zwei Monate später wurden von der Kriminalpolizei erneut Tausende Menschen festgenommen. Bettler, Landstreicher, Suchtkranke, säumige Unterhaltspflichtige, Sinti und Roma. Höchst unterschiedliche Personengruppen, die eines einte: der Kontakt zum Fürsorgesystem. Im Zuge dieser Verhaftungswelle wurden mehr als 10000 Menschen in Konzentra­tionslager verbracht.

Bedarf an Arbeitskräften

Aktion »Arbeitsscheu Reich«, so bezeichneten die Faschisten den Feldzug, der sich gegen als »Asoziale« klassifizierte Menschen richtete. Der durch die Kriegsvorbereitung wachsende Bedarf an Arbeitskräften, vor allem in der deutschen Rüstungsindustrie, bildete ein Motiv der Verfolgungspolitik. In den Kieler Nachrichten vom 15. Juni 1938 hieß es dazu: »Zur Erreichung der Ziele des zweiten Vierjahresplanes wird der Einsatz aller Kräfte gefordert In verschiedenen landwirtschaftlichen Bezirken des Arbeitsamts Kiel sind bereits die letzten Reserven restlos in Arbeit gebracht worden.« Zu den »letzten Reserven« zählte das Nazi-Regime eben auch diejenigen, die sich nach ihrer Auffassung einer Arbeit entzogen. Neben dem Ziel, Arbeitskräfte zu rekrutieren, muß sowohl die »April«- als auch die »Juni-Aktion« als Bestandteil der NS-Rassenpolitik begriffen werden. »Asoziale« oder »Gemeinschaftsfremde«, so die Sprachregelung in der faschistischen Bürokratie, wurden nicht der »Volksgemeinschaft« zugerechnet. So befanden sich von den im Jahr zuvor noch gezählten rund 10000 »Wanderern« im Januar 1939 weniger als 5000 außerhalb geschlossener Einrichtungen.

Die Basis für die Terrorwelle bildete der »Grundlegende Erlaß über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei« vom 14. Dezember 1937. Danach konnte jeder, der, »ohne Berufs- und Gewohnheitsverbrecher zu sein, durch sein soziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet«, mittels sicherheitspolizeilicher »Schutzhaft« in ein Konzentrationslager eingewiesen werden. Ein Erlaß des Reichsführers SS Heinrich Himmler vom 26. Januar 1938 besiegelte das Vorgehen gegen »Arbeitsscheue«.

Restlose Ausbeutung

Der Repressionskatalog in den Lagern erstreckte sich von der Absonderung von anderen Häftlingen über Zwangssterilisation bis hin zur Vernichtung. Der befristeten Inhaftnahme folgte die unbefristete und schließlich die physische Liquidation nach erfolgter restloser Ausbeutung der Arbeitskraft. Auf Solidarität anderer Häftlinge konnten die »Asozialen« nicht hoffen. Auch nach 1945 wurden insbesondere die Überlebenden dieser Häftlingskategorie von den ehemaligen »politischen« Häftlingen vor allem als Gefahr für deren Kampf um die Anerkennung als Opfergruppe begriffen. Eine finanzielle Entschädigung für die Überlebenden blieb über Jahrzehnte aus. Erst in den 1980er Jahren verabschiedeten einige Länderparlamente in der BRD Härtefallregelungen.

Die nach wie vor weit verbreitete Annahme, bei der Opfergruppe der »Asozialen« handele es sich um einen eher kleinen Personenkreis, ist historisch falsch.Vom Zeitpunkt der Aktion »Arbeitsscheu Reich« bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 waren in einigen Konzentrationslagern, insbesondere in Buchenwald, die mit dem schwarzen Dreieck gezeichneten Häftlinge der Kategorie »Asoziale« die größte Häftlingsgruppe.

Weitere interessante Artikel zu diesem Thema:
»Schutzhaft« gegen »Arbeitsscheue«
Die vergessenen Opfer
Die mit dem schwarzen Winkel
Artikel bei Wikipedia: „Aktion „Arbeitsscheu Reich““

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