„Kultur entartet“

Er hat wieder zugeschlagen –  der Mann den Jürgen Becker nicht mehr als Hassprediger, bezeichnen darf – Kardinal Meisner. Bei der Einweihung des neuen Kunstmuseums Kolumba sagte Kardinal Joachim Meisner im Kölner Dom: „Dort wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.
Meisner rechtfertigte die umstrittene Passage im Gespräch mit dem Kölner „Domradio“. Er habe „nur ganz schlicht sagen wollen, dass wenn man Kunst und Kultur auseinander bringt, dann leidet beides Schaden.“

Entartete Kunst“ ist ein von den Nationalsozialisten geprägter abwertender Begriff für moderne Kunst, die sich nicht in das Kunstverständnis der nationalsozialistischen Ideologie einfügte und die angebliche dekadente „Darstellung von Erkrankungserscheinungen und Auswüchsen der Zivilisation“ bezeichnete. Als Verfallserscheinung der kulturellen Lebenskraft galten daher auch Pessimismus und Pazifismus und alle anderen Ansätze der „Entartung“, also auch „artfremde“ Einflüsse sowie angeblich unsittliche und abnorme Abweichungen vom Art- und Rassenbegriff. Als „entartet“ wurden dementsprechend Werke des Expressionismus und der abstrakten Kunst durch Gegenüberstellung mit pathologischen Erscheinungen diffamiert.

Das Werk vieler so verfemter Künstler wurde durch Berufsverbot, Malverbot, Konfiszierung, Entfernung aus den Museen, Bombardierung der Ateliers, Emigration oder Ermordung der Künstler zerstört oder unterbunden, und noch vorhandene Werke wurden nach dem 2. Weltkrieg wegen des Siegeszuges der abstrakten Kunst häufig vergessen. Daher werden einige der Künstler dieser Generation auch als „vergessene Künstler“ bezeichnet. Weiter wird auch die Bezeichnung Exilkunst oder „Künstler im Exil“ gebraucht für die vorwiegend jüdischen Künstler, denen die Flucht ins Ausland gelang, die dann in wirtschaftlicher Not und entwurzelt in der Fremde einen neuen Anfang begannen.

Die Nazis hatten rund 16.000 moderne Kunstwerke beschlagnahmt und damit eine so bezeichnete „Säuberung“ der deutschen Kunstsammlungen eingeleitet. Schon unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis waren ab 1933 Berufsverbote gegen moderne Künstler, Käufer moderner Kunst oder Hochschullehrer verhängt worden. 1936 erging ein totales Verbot jeglicher Kunst der Moderne.

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Veröffentlicht in Köln. 5 Comments »

5 Antworten to “„Kultur entartet“”

  1. cers Says:

    Rheinische Post: Ein Kardinalfehler
    Diese Diskussion war nicht zu gewinnen. Schon deshalb, weil sie
    keine Diskussion war – genauer: sein konnte. Der Begriff von der
    „entarteten“ Kultur ist kontaminiert mit Unmenschlichkeit, und er
    wird nicht stubenreiner, wenn er „nur“ rhetorisch und in anderen
    Kontexten gebraucht wird. Joachim Kardinal Meisner hat für seine gar
    nicht mal unbedachte Wortwahl reichlich Kritik kassiert, der er mit
    immer weiteren Klar- und Richtigstellungen begegnete. Damit aber war
    der Kardinalfehler nicht aus der Welt zu schaffen, weil alle
    Selbstauslegungen des Erzbischofs immer nur eins zeigten: das
    fehlende Verständnis für jene Menschen, denen Nazi-Worte Pein
    bereiten, für die der Jargon der Massenmörder im wahrsten Sinne des
    Wortes furchterregend ist. Nirgendwo ist da ein Spielraum für
    Exegese. Wer den Begriff der Entartung rhetorisch nutzbar macht,
    relativiert – auch ungewollt – das Wüten der Nazis. Dass der Kölner
    Erzbischof jetzt Missverständnisse seiner Predigtworte „bedauert“,
    ändert nicht viel. Er hat, so scheint es, seinem Kardinalfehler keine
    Kardinaltugend folgen lassen können. Denn von der Einsicht eines
    Irrtums ist nicht die Rede. Meisner hat nur die diplomatische
    Reißleine gezogen.

  2. cers Says:

    Erzbistum sieht Kardinal Joachim Meisner vom Kölner Ratsherrn Claus Ludwig beleidigt und will „rechtliche Schritte“ prüfen. Ludwig denkt nicht an eine Rücknahme seiner Äußerungen und bezeichnet den Kirchenmann weiter als „Hassprediger“.
    Mit seiner Kritik an Kardinal Joachim Meisner hat sich der Kölner Ratsherr Claus Ludwig den heiligen Zorn des Erzbistum zugezogen. „Mit Ihren öffentlichen Äußerungen beleidigen Sie den höchsten Repräsentanten der katholischen Kirche in Köln“, heißt es in einem Brief des Generalvikars des Kölner Erzbischofs, Dominik Schwaderlapp, an Ludwig.

    In dem Schreiben, das auch OB Fritz Schramma (CDU) „zur Kenntnisnahme“ erhielt, fordert der Generalvikar vom Ratsvertreter des kleinen Wahlbündnisses „Gemeinsam gegen Sozialraub“ eine „öffentliche Korrektur“ seiner Aussagen. „Andernfalls werde ich rechtliche Schritte gegen den beleidigenden Inhalt Ihrer Äußerungen prüfen lassen“, drohte Schwaderlapp.

    Anlass für dessen Unmut ist ein Artikel in der taz, in dem Ludwig unter anderem mit den Worten zitiert wurde: „Durch die Gleichsetzung des Nazi-Völkermords mit Abtreibung verhöhnt Meisner die Opfer des Holocaust“. Weiter bezeichnete er den Kardinal als „echten Hassprediger“, der einen „aggressiven Fundamentalismus“ vertrete. Für Schwaderlapp „eine untragbare Entgleisung, die einer öffentlichen Richtigstellung“ bedürfe.

    Ludwig aber denkt nicht an Widerruf. Er sehe der angedrohten Prüfung rechtlicher Schritte „gelassen entgegen“, so der linke Ratsherr zur taz. Seine Wertung von Meisners Äußerungen sei „sachlich und von der Meinungsfreiheit gedeckt“. Die Art, wie Meisner „seit Jahren Schwangerschaftsabbrüche in den Mittelpunkt seiner Reden stellt, gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben polemisiert und mit Inbrunst Soldatengottesdienste zelebriert“, sei ein deutlicher Hinweis darauf, dass er zum Kreis christlicher Fundamentalisten zu zählen sei. Wenn Meisner in seiner Dreikönigstagspredigt wieder einmal Frauen und Ärzte auf eine Stufe mit Verbrechern gestellt habe, nehme er „zumindest billigend in Kauf, dass seine Anhängerschaft Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch haben vornehmen lassen, verachtet und hasst“, so Ludwig. Daher halte er auch die Formulierung „Hassprediger“ für korrekt.
    Quelle: taz vom 26.01.2005

  3. cers Says:

    Der Kölner Erzbischof Joachim Meisner hat sein Bedauern über „Missverständnisse“ im Zusammenhang mit seiner umstrittenen Äußerung über „entartete“ Kultur bekundet. In einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb Meisner, die entsprechende Passage seiner Predigt habe „in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben“. Für die Substanz seiner Aussage sei der Begriff „entartet“ nicht notwendig gewesen, betonte der Kardinal.

  4. cers Says:

    Mitleid mit Erzbischof Meisner
    Köln. Der kulturpolitische Sprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat mit Mitleid auf die Äußerungen des Kölner Erzbischofs Joachim Meisner zu »entarteter Kultur« reagiert. Der 73 Jahre alte Meisner sei »ein schlichter alter Mann«, sagte Sternberg dem Kölner Stadt-Anzeiger vom Montag. Er begreife das nicht und sei sich über die Folgen solcher Aussagen nicht im klaren. Er glaube, die »indiskutable« Äußerung Meisners habe mit seinem Alter zu tun. Dies zeige, wie gut es sei, »daß Bischöfe mit 75 ihr Rücktrittsgesuch einreichen müssen.« Der Erzbischof hatte bei einer Museumseröffnung in Köln das Wort »entartet« verwendet, das die Nazis für von ihnen verbotene Kunstwerke benutzten.

  5. cers Says:

    Gefährliches Gedankengut wird durch den Kardinal wieder gesellschaftsfähig

    Der Kulturpolitische Ausschuss von ver.di NRW hat am Montag (17.9.) mit Empörung die Äußerungen des Köl-ner Kardinals Meisner über die angebliche „Entartung“ der Kultur zurückgewiesen. Der Sprecher des Gremiums, Lorenz Mueller-Morenius (Münster), sprach von einem „Angriff auf die Demokratie aus der Mitte der Gesell-schaft heraus“. Kunst dürfe nicht, wie Meisner fordert, auf den Zweck der Religionsausübung reduziert werden.

    „Der in diesem Zusammenhang benutzte Ausdruck ‚ent-artet’ ist eine der gefährlichsten Vokabeln der Nazipro-paganda und hat der Vernichtung deutscher Kultur und der Verfolgung zahlreicher Künstlerinnen und Künstler Vorschub geleistet. Es ist zu befürchten, dass solches Denken durch einen der führenden Vertreter der katholi-schen Kirche wieder gesellschaftsfähig wird“, erklärte Mueller-Morenius. Gerade die Kölner Diözese habe sich bisher aufgeschlossen für moderne Kunst gezeigt, wie bei der Entscheidung des Domkapitels für ein Fenster von Gerhard Richter. „Vor 70 Jahren wurde von Goeb-bels die infame NS-Ausstellung eröffnet, die moderne Kunst in Deutschland verfemt hat. In der Logik Meisners müsste das neu eröffnete Kunstmuseum des Erzbistums in ‚Museum für Entartete Kunst’ umbenannt werden.“


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