ALG II-Erhöhung wird nun doch geprüft

Am heutigen Freitag gab Vizekanzler Müntefering bekannt, dass er prüfen werde, wie sich die Preisentwicklungen in 2006 und 2007 für Empfängerinnen und Empfänger von Sozialhilfe und von ALG II ausgewirkt haben oder in den kommenden Monaten auswirken werden; für 2008 soll eine Prognose erstellt werden.

Gleichzeitig machte er aber darauf aufmerksam, dass die Sozialtransfers des Bundes sinken müssten und nicht steigen dürften.

Also bevor in allgemeinen Jubel ausgebrochen wird, gilt mal wieder Vorsicht. Eine Anpassungsrunde könnte dazu genutzt werden die Gesamtausgaben zu senken, was an irgend einer Stelle wiederum Kürzungen bedeuten wird!

Der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Franz Müntefering, erklärt:
„Wegen der angekündigten Preissteigerung für bestimmte Lebensmittel haben Ministerpräsidenten und Minister von CDU/CSU in den vergangenen Tagen mit einer Änderung der Anpassung der Grundsicherung jongliert, sie teils recht klar in Aussicht gestellt.

Sachkenntnis wäre hilfreich. Und die berechtigten Fragen der Betroffenen sind zu ernst und das Thema generell ist zu wichtig, als dass es mit populistischen Parolen sein Bewenden haben könnte.“

Richtig Herr Müntefering, aber woher nehmen sie IHRESachkenntnis„? Selbst eine Koppelung an die allgemeine Inflationsrate ist für Menschen denen lediglich das sozial kulturelle Existenzminimum gesetzlich garantiert wird, unzureichend. Denn während die Preise z.B. für Milchprodukte um bis zu 50 Prozent ansteigen, sinken beispielsweise die Kosten für Mobiltelefone und mobiles telefonieren. Dies wirkt sich dämpfend auf die allgemeine Inflationsrate aus. Ein Handy aber kann man nicht essen!

Nochmal zurück zur „Sachkenntnis“: Die beste Sachkenntnis haben die Betroffenen selbst und nicht irgendwelche Politiker mit Diäten und Beraterverträgen. Man kann leicht erkennen wie viel Monat am Ende des Geldes übrig bleibt, obwohl man nur beim Discounter und nur das nötigste eingekauft hat. Hätten Müntefering und Konsorten die angemahnte Sachkenntnis so wäre der Satz gerade für Kinder und Jugendliche erheblich höher. Ich verweise hier auf die Studie der Universität Bonn. (die entsprechende Pressemitteilung vom 01.08.07 hänge ich unten an). Außerdem erfahren die Betroffenen gerade zu Beginn eines neuen Schuljahres, dass sie mit den ihnen gewährten Geldern nicht auskommen. Für Schulmaterial ist nämlich im Bedarfssatz NICHTS enthalten. Weiterführende Information gibt es auch in diesem Flyer.


+++ Pressemitteilung +++

Arbeitslosengeld II reicht nicht für gesunde Kinderernährung

 

Dortmund, 01.08.2007. „Forschungsinstitut für Kinderernährung legt umfangreiche Studie vor.“

 

Das Arbeitslosengeld (ALG) II reicht nicht aus, um Kinder und Jugendliche ausgewogen zu ernähren. Zu diesem Schluss kommt das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) der Universität Bonn in einer umfangreichen Studie. Demnach veranschlagt der Gesetzgeber für Nahrung und Getränke bei 14- bis 18-Jährigen lediglich 3,42 Euro pro Tag. Selbst wer nur beim Discounter kauft, muss jedoch im Schnitt 4,68 Euro täglich hinblättern, um den Appetit eines Teenagers mit ausgewogener Kost zu stillen. Das FKE empfiehlt, das Arbeitslosengeld entsprechend anzupassen. Kinder und Jugendliche aus niedrigen sozialen Schichten leiden heute zwei- bis dreimal so häufig unter Fettleibigkeit wie besser situierte Altersgenossen.

 

Zur Sicherung des Lebensunterhaltes steht Empfängern von Arbeitslosengeld II heute ein Betrag von 347 Euro pro Monat zur Verfügung. Für Kinder gibt es pauschal 60 Prozent dieses Regelsatzes, für Jugendliche 80 Prozent. „Rund ein Drittel dieser Summe veranschlagt der Gesetzgeber für Nahrung, Getränke und Tabakwaren“, erklärt Dr. Mathilde Kersting, die stellvertr. Leiterin des FKE. „Das sind gerade mal 2,57 Euro täglich für Kinder und 3,42 Euro für Jugendliche ab 14 Jahren. Damit lässt sich nach unseren Erkenntnissen eine ausgewogene Ernährung nicht realisieren.“

 

Die FKE-Forscher haben im März 2004 in Dortmund die Preise von mehr als 80 Lebensmitteln erhoben, die für die gesunde Ernährung benötigt werden. Die Testkäufe erfolgten in Supermärkten der Ketten REWE und Edeka, bei den Discountern Aldi und Lidl sowie in einem Bioladen. Anhand dieser Daten berechneten die Wissenschaftler nach Altersgruppen gestaffelt die Kosten für die so genannte „Optimierte Mischkost“. Dabei handelt es sich um ein vom FKE entwickeltes Konzept, das eine gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche zu vergleichsweise günstigen Preisen gewährleisten soll.

 

Je älter, desto größer klafft die finanzielle Lücke

„Für vier- bis sechsjährige Kinder reichen die veranschlagten 2,57 Euro gerade aus – allerdings auch nur, wenn die Lebensmittel beim Discounter gekauft werden“, fasst Mathilde Kersting die Ergebnisse zusammen. „Wer in normalen Supermärkten zugreift, kommt mit dem Geld nicht hin: Dort muss man durchschnittlich 3,86 Euro hinblättern.“ Mit zunehmendem Alter klafft die finanzielle Lücke noch weiter auseinander: So verzehrt ein Fünfzehnjähriger, der sich ausgewogen ernähren möchte, im Schnitt Lebensmittel im Wert von 4,68 Euro täglich (Discounter) bzw. 7,44 Euro (Supermarkt).

 

„Für Empfänger von Arbeitslosengeld II ist es kaum möglich, ihre Kinder ausgewogen und gesund zu ernähren“, resümiert Kersting. Das FKE empfiehlt daher, die aktuellen Regelsätze für Kinder und Jugendliche zu überdenken. Mit mehr Geld allein sei es allerdings nicht getan. „Wichtig ist es auch, diese Bevölkerungsgruppe von dem Nutzen einer ausgewogenen Ernährung zu überzeugen. Wir müssen einfacher umsetzbare Maßnahmen entwickeln, um die Familien besser als bisher mit unseren Ernährungsinformationen zu erreichen.“

 

Heute sind in Deutschland etwa sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen fettleibig. In niedrigen sozialen Schichten ist der Anteil mehr als doppelt so hoch. Übergewicht kann schwere chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Arteriosklerose nach sich ziehen. Dr. Mathilde Kersting: „Auch volkswirtschaftlich gesehen lohnt es sich, in eine gesunde Ernährung für alle zu investieren.“

 

 

Pressemitteilung der Universität Bonn

Kontakt:
Privatdozentin Dr. Mathilde Kersting
Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund
Institut an der Universität Bonn
Telefon: 0231/79-221018 E-Mail: kersting @ fke-do.de

 

http://www.fke-do.de

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2 Antworten to “ALG II-Erhöhung wird nun doch geprüft”

  1. Gutes Leben mit derzeitigem ALG II -Satz « KEA-Nachrichten Says:

    […] Siehe dazu auch: ALG II-Erhöhung wird nun doch geprüft […]

  2. cers Says:

    Siehe hierzu auch den Artikel aus „Die Zeit“ vom 09.08.07
    Verlierer von Geburt an


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