Zwangsverrentung light

Berlin. Die umstrittene Regelung zur künftigen Zwangsverrentung von Arbeitslosen wird angeblich überarbeitet. SPD-Fraktionschef Peter Struck kündigte am Mittwoch (28.11.) im Bundestag an, noch im Dezember solle eine entsprechende Novelle beschlossen werden. Derzeit werde darüber in der Koalition abschließend gesprochen.

Über die Zwangs-Frühverrentung von Arbeitslosen liegen nach einem Bericht der „Passauer Neuen Presse“ Vorschläge der Fraktionsvizes von Union und SPD, Laurenz Meyer (CDU) und Ludwig Stiegler (SPD), auf dem Tisch. Ältere Hartz-IV-Empfänger sollen danach nicht vor dem 63. Lebensjahr in Rente gehen müssen. Dies gelte auch für Frauen und Schwerbehinderte, was aber in der Union noch umstritten ist.

Ohne Anschlussregelung können Langzeitarbeitslose von Anfang 2008 an bereits ab 60 Jahren in eine Rente mit lebenslangen Abschlägen geschickt werden. Die Rede ist von 30.000 bis 50.000 Betroffenen. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Ralf Brauksiepe (CDU), sagte der „Leipziger Volkszeitung“, er halte eine Einigung auf eine Anschlussregelung zum Schutz älterer Hartz-IV- Empfänger „noch in diesem Jahr für möglich„.

Bei einem gesetzlichen Renteneitnrittsalter von 65 bzw. 67 Jahren ist allerdings auch mit 63 noch keine abschlagsfreie Rente möglich. Es bedeutet lediglich, dass die staatliche Zwangsverrentung später kommt.

Aufschwung kommt an

Der Aufschwung kommt bei den Menschen an. Das ist die gute Botschaft„, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn der Generalaussprache des Bundestags zum Haushalt 2008 am heutigen Mittwoch, den 28.11.2007. (übrigens wäre meine Oma heute 91 geworden).
Als ich das vernahm, stutzte ich ein wenig, da bei mir, so glaubte ich, nichts ankommt. Doch ich irrte mich genau so wie Gregor Gysi, der in der Debatte meinte: «Wir sind weiter entfernt von sozialer Gerechtigkeit als zu Beginn Ihrer Koalition». So lebten 2,6 Millionen Kinder in Armut, und 7,4 Millionen Menschen bezögen Arbeitslosengeld II (ALG II). «Die merken gar nichts vom Aufschwung – gar nichts», sagte Gysi.

Aber mit seinem anderen Satz kam er zur Vernunft und brachte mich auch dazu. So hätten etwa die Rentner bei einer Rentensteigerung von 0,5 Prozent eine Inflation von 3 Prozent hinnehmen müssen: «Das macht ein Minus von 2,5 Prozent. Na, die sind aber begeistert von Ihrem Aufschwung», fügte Gysi hinzu.

Eben genau das ist es der Aufschwung kommt bei weiten Teilen der Bevölkerung in Form der Inflation, der Preissteiegerung an. Wir haben eine Teuerung auf dem höchstem Stand seit 13 Jahren zu verzeichnen. Die Verbraucherpreise lagen im November um drei Prozent höher als vor einem Jahr, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag (26.11.) nach vorläufigen Berechnungen mitteilte. „Das ist die höchste Teuerungsrate seit Februar 1994„, hieß es auf Basis von Ergebnissen aus sechs Bundesländern. Im September und Oktober waren die Kosten für die Lebenshaltung jeweils um 2,4 Prozent gestiegen. Im Monatsvergleich zogen die Preise mit 0,4 Prozent ebenfalls stärker als erwartet an.

Die Preise für Nahrungsmittel zogen um bis zu sieben Prozent an und rissen erneut Löcher in die leeren Haushaltskassen.

Die so genannte Experten führen die Preissprünge bei Lebensmitteln wie Butter oder Milch auf die stärkere Nachfrage auf den Weltmärkten zurück. Der hohe Ölpreis – der zuletzt an der 100 Marke von Dollar je Barrel kratzte – schlägt sich zunehmend auf die Benzin- und Heizölpreise nieder. Entlastet wurden die Geldbeutel von billigeren Reisen. Außerhalb der Urlaubszeit schrumpften die Preise für Pauschalreisen um 6,4 Prozent und für Ferienwohnungen um 7,3 Prozent.

Der deutliche Anstieg der Inflationsrate hat erhebliche Sorgen bei Gewerkschaftlern und Wirtschaftswissenschaftlern ausgelöst. Der Deutsche Gewerkschaftsbund wies darauf hin, dass die Inflationsrate die Lohnsteigerungen der Tarifrunde 2007 nahezu aufgezehrt habe. „Die durchschnittlichen Tariflohnsteigerungen liegen in diesem Jahr bei 2,4 Prozent„, sagte DGB-Chefökonom Dierk Hirschel der „Berliner Zeitung“. Das bedeute, dass die Reallohnsteigerungen „nur minimal ausfallen werden„. Von der Lohnseite könne es deshalb keine Impulse für den privaten Konsum geben.

Ähnlich äußerte sich der Volkswirt des Bundesverbandes deutscher Banken, Karl Knappe. Die Verbraucher spürten vor allem den starken Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise. Deshalb dürfte die gefühlte Inflation noch höher sein als die tatsächliche. Es bestehe durchaus die Gefahr, dass die Verbraucher die zusätzlichen Ausgaben für Energie und Lebensmittel an anderer Stelle einzusparen versuchen.

Die Anhebung des ALG II um 0,58% im Juli ist weder den Gewerkschaften noch den so genannten Experten mal wieder nicht erwähnenswert.

Unter dem Strich bleibt zu sagen, dass 7,4 Millionen Bezieher von Arbeitslosengeld II plus rund 20 Millionen Rentner, plus eine nicht bekannte Dunkelziffer (das ist jedenfalls weit mehr als ein Drittel der Bevölkerung) vom Aufschwung nur eins haben: Weniger Geld in der Tasche!

Gegen drohende Zwangsverrentung

Tageszeitung junge Welt

28.11.2007 / Abgeschrieben / Seite 8

 


 

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der Deutsche Frauenrat, der Sozialverband Deutschland (SoVD), der Sozialverband VdK Deutschland und die Volkssolidarität fordern die Bundesregierung in einer gemeinsamen Erklärung auf, die zum Januar 2008 drohende Zwangsverrentung von älteren Arbeitslosen noch in letzter Minute zu stoppen:

(…) Es muß im SGB II gesetzlich klargestellt werden, daß Arbeitslose nicht in eine Altersrente mit Abschlägen gezwungen werden dürfen. Eine solche Zwangsverrentung wäre die unweigerliche Folge, wenn die Regelung im Paragraph 5 Abssatz 3 SGB II nach Auslaufen der Übergangregelungen (in Verbindung mit der sogenannten 58er-Regelung) ohne Änderung wirksam wird.

DGB, Deutscher Frauenrat, SoVD, VdK und die Volkssolidarität halten es für unverantwortlich, wenn die Koalition das Problem einfach aussitzen würde und die von der noch immer ungünstigen Arbeitsmarktsituation Betroffenen ab Januar 2008 gegen ihren Willen mit hohen Abschlägen bei der Rente bestraft werden. Es wäre politisch unanständig, wenn die Koalition die Lebensleistung älterer Arbeitsloser durch Zwangskürzungen bei der Rente mißachten würde. Schließlich würden diese Abschläge bis zum Lebensende gelten. Insbesondere für Langzeitarbeitslose müssen weitere Einbußen auch bei der Alterssicherung vermieden werden. Ihre Rente ist ohnehin häufig niedrig. Die Abschläge würden das Risiko erhöhen, in Altersarmut abzurutschen und lebenslang von Sozialleistungen abhängig zu sein.

Die Kohle fehlt

Wer in den vergangenen Wochen beim Einkauf im Supermarkt unterschwellig viele ungewohnte Preise wahrnahm, der weiß jetzt warum: Das Leben in NRW ist deutlich teurer geworden. Mehr noch: Der an sich schon hohe Durchschnittswert von 3,2 Prozent Teuerung schönt die Lage noch. Für viele Menschen, vor allem mit geringen Einkommen, ist der Kaufkraftverlust dramatisch höher. Denn sie müssen das meiste ihres Geldes für Grundnahrungsmittel und Energie ausgeben. Hier sind die Preise zum Teil noch extremer gestiegen.
Kurz vor Weihnachten ist das besonders bitter. Und so zeigt eine aktuelle Umfrage, dass die Ausgaben für Weihnachten in diesem Jahr im Schnitt von 435 auf 420 Euro sinken sollen. (wohlgemerkt im Schnitt) Der Grund: Die steigenden
Nahrungsmittelkosten müssen ausgeglichen werden.
Nun erkennt man die Weltfremdheit von Kanzlerin Merkel, die vor einigen Tagen erklärte: Wegen der Beitragssatzsenkung in der Arbeitslosenversicherung erwarte sie mehr Konsum. Und der solle mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze bringen.

Hochdruckreiniger in Frankreich

Nach den abermaligen Krawallen in den Pariser Vorstädten hat Präsident Nicolas Sarkozy eine Dringlichkeitssitzung der für die innere Sicherheit zuständigen Minister einberufen. Es werden wohl wieder einmal Pläne verabschiedet, Versprechungen gemacht und hartes Durchgreifen gegen Randalierer angedroht.
Doch zwei Jahre nach den wochenlangen Straßenschlachten in den Pariser Vorstädten hat sich die Lage dort offenbar kaum verbessert, obwohl vieles versprochen wurde. Gerade die Kinder der Einwanderer in
diesen Vororten fühlen sich weiterhin diskriminiert und vernachlässigt.
Der damalige Innenminister hieß Nicolas Sarkozy und drohte mit dem Hochdruckreiniger durch die Vorstädte zu ziehen.

Um nicht missverstanden zu werden: Solche nächtlichen Gewalttaten sind durch nichts zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass auch Kriminelle diese Krawalle schüren. Sie möchten erreichen, dass die Polizei
die Vorstädte in Zukunft meidet. Aber dennoch sollte man die Mahnungen mehrerer Bürgermeister aus den Vorstädten sehr ernst nehmen, die eine ihrer Ansicht nach wirkungslose Politik anprangern. »Die Lage dort hat sich weiter verschlechtert – Arbeitslosigkeit, Gewalt, soziales Elend«, betonen sie. Der Staat müsse nicht erneut einen Plan vorlegen. Es müsse endlich gehandelt werden, um die »Ghettobildung« einzudämmen.